2021,  Europa,  Schweden

Schweden Teil V – Abisko Nationalpark (Schwedisch Lappland)

Im heutigen Beitrag erkunden wir den wahnsinnig tollen Abisko Nationalpark! Doch wir nehmen euch nicht nur mit auf die ein oder andere Wanderung und zu unseren Stellplätzen dort, sondern wir zeigen euch auch unsere Fahrt von der Ostküste hinein nach Schwedisch Lappland, auf der wir mit unserem Campervan den Polarkreis überquert haben. Wir bestaunen den reißenden Jockfall-Wasserfall und sehen dann auch noch unsere ersten Rentiere! Dabei erleben wir ein Schweden, das ganz anders ist, als das, was wir im Süden bisher erlebt haben. Sind wir begeistert? Absolut! Viel Spaß!

Abschied nehmen von der Ostküste

Rund 1.300 km sind wir nun bereits in den Norden Schwedens vorgedrungen. Den mit Abstand größten Teil dieser Strecke haben wir dabei entlang der schier endlos langen Ostküste Schwedens zurückgelegt. Doch unsere Tage an der schönen Küste sind gezählt – zumindest für eine Weile. Denn wir wollen nun ins Landesinnere. Genauer gesagt wollen wir in den Abisko Nationalpark ganz im Norden des Landes. Aber der ist von Örnsköldsvik, dem kleinen Ort, an dem wir unseren letzten Blogeintrag beendet haben, noch über 800 km entfernt.

Heißt: wir haben ein paar Fahr-Tage vor uns. Viele Zwischenziele auf dem Weg zum Abisko Nationalpark haben wir aber nicht. Die Fahrt sollte also recht fix gehen; wenn alles gut läuft, sollten wir entspannt innerhalb von zwei Tagen dort sein. Aber bevor wir starten, genießen wir noch unseren letzten Morgen in Örnsköldsvik und schicken bei Wetter, das besser kaum sein könnte, nochmal unsere Drohne in die Luft:

Die ersten 400 km auf unserem Weg zum Abisko Nationalpark führen noch immer im weitesten Sinne an der Küste entlang. Allerdings sehen wir auf der gesamte Strecke das Meer kaum, denn die Europastraße 4 – Schwedens zweitlängste Straße, die i.d.R. drei- bis vierspurig ist – folgt der Küste zumeist mit ein paar Kilometern Abstand.

Auf dem Weg in den Norden halten wir lediglich kurz in der Küstenstadt Lulea und in dessen benachbarter Kirchenstadt Gammelstad. Eine Kirchenstadt, was ist das denn? Im Grunde handelt es sich dabei um eine Ansammlung vieler kleiner Hütten in der direkten Umgebung einer alten Kirche. Die Kirchenstadt Gammelstadt stammt vermutlich aus dem 16. Jahrhundert, als es hier im Norden Schwedens noch nicht allzu viele Kirchen gab und die Menschen aus großen Entfernungen kamen, um hier zur Kirche gehen zu können. Da die Distanzen zu lang waren, um am gleichen Tag noch die Heimreise anzutreten, wurden viele kleine Hütten gebaut, in denen die Gläubigen übernachten konnten. 71 solcher Kirchenstädte soll es in Schweden mal gegeben haben; 16 davon existieren heute noch und Gammelstad, was übersetzt soviel wie „Alte Stadt“ bedeutet, ist mit rund 400 Hütten die größte noch erhaltene und gehört heute zum UNESCO Weltkulturerbe (wir haben keine Fotos gemacht, aber im Video unten seht ihr ein paar filmische Sequenzen).

Abgesehen davon sehen wir unterwegs nicht viel, sondern fokussieren uns darauf, Strecke zu machen. Abends fahren wir zu einem Stellplatz, den wir auf park4night herausgesucht hatten. Als wir dort ankommen, ist der große Parkplatz am See zunächst völlig leer. Dann wird es jedoch auf einmal sehr voll, als innerhalb von einer Viertelstunde 6 oder 7 teils vollgepackte Autos kommen, deren Insassen hier zum Sonnenuntergang in den Badesee springen. Nach einer guten Stunde ist der Trubel aber bereits wieder vorbei und wir genießen – wie so häufig schon in Schweden – eine sehr ruhige Nacht.

Rentiere am Polarkreis

Am nächsten Morgen brechen wir wieder auf. Bevor wir jedoch zu unserem nächsten Ziel, dem Jockfall, kommen, halten wir unterwegs noch an einem kleinen See, um hier ein paar Sequenzen für unser nächstes Produktvorstellungs-Video zu filmen (Thema: mobile Solartaschen und Lithium-Batterien).

Als wir danach wieder unterwegs sind, sehen wir plötzlich am Straßenrand ein paar Rentiere stehen. Unsere ersten Rentiere – juhu! Und dann gleich eine ganze Familie mit fünf großen und zwei jungen, kleinen Tieren.

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Tatsächlich haben wir am Tag zuvor bereits einen Elch (!) gesehen, allerdings nur ganz kurz, als wir mit 110 km/h die Europastraße 4 entlang gebrettert sind. Da stand er im Wald direkt an einem großen Zaun, der genau dafür gedacht ist, dass keine Tiere auf die Fahrbahn laufen. Da wir dort nicht anhalten oder gar zurückfahren konnten, haben wir von der Begegnung leider kein Foto. Aber wir hoffen mal, dass das nicht der letzte Elch ist, den wir hier zu Gesicht bekommen. Je weiter wir in den Norden fahren, desto größer werden ja auch die Chancen. Wir bleiben gespannt.

Weitere Rentiere – und dieses Mal aus nächster Nähe – sehen wir dann, als wir den Polarkreis überqueren und anhalten, um Fotos zu machen. Hier am Breitengrad von ungefähr 66,57° (der die Grenze markiert, ab der die Sonne im Sommer nicht mehr untergeht) steht nicht nur ein Schild und eine Skulptur, die den Polarkreis markieren, sondern auch ein altes, verlassenes und in Teilen verfallenes Cafè mit ein paar Hütten. Ich schätze es ist nicht mehr in Betrieb, da die Hauptstraße auf dem Weg in den Norden inzwischen ein paar Kilometer weiter westlich verläuft (wir haben sie verlassen, um einen Abstecher zum Jockfall zu machen). Die Natur erobert diesen Rastplatz nun wohl langsam aber sicher zurück und so sehen wir zwei Rentiere, die hier genüsslich und wenig scheu umherlaufen und grasen.

Jockfall Wasserfall

Der Jockfall ist ein rund 9 m hoher Wasserfall und zugleich der Name der Kleinstadt, an dessen Rand er zu finden ist. Der Fluss, der wenige Meter südlich des Wasserfalls von einer Brücke überspannt wird, heißt Kalixälven und ist mit 450 km der längste naturbelassene Fluss Schwedens. Was wir sonst noch so über den Wasserfall, die Stadt und den Fluss wissen: nix. 🙂 Aber wir finden, der Jockfall ist definitiv einen Besuch wert, wenn man mal hier im Norden von Schweden ist und die Wassermassen, die hier „den Bach runtergehen“ sind wirklich beeindruckend.

Abisko Nationalpark

So, jetzt aber zum Namensgeber des heutigen Blogeintrags. Abisko ist ein 77 km² großer Nationalpark in Schwedisch Lappland, der für seine phänomenale Natur, aber auch für seine fantastische Lage zum Bestaunen von Polarlichtern bekannt ist. Letzteres wird uns nicht vergönnt sein, da Polarlichter nahezu ausschließlich im Winter auftreten. Aber auch so ist der Nationalpark ein äußerst attraktives Reiseziel.

Der Park besteht aus einem Tal, das im Süden und Westen von Bergketten und im Norden vom Torneträsk-See, dem siebtgrößten See Schwedens, umrahmt wird. Durch den Park fließt der Fluss Abiskojåkka, der sich hier kurz vor seiner Mündung in den See seinen Weg sehenswert durch eine rund 20 m tiefe Schlucht bahnt.

Es gibt eine Vielzahl von kurzen und langen Wanderwegen – der längste davon ist der sogenannte Kungsleden; seinerseits der wohl bekannteste schwedische Fernwanderweg, der hier am Nationalparkzentrum beginnt. Seine 180 km sind uns jedoch etwas zu lang (wobei wir ihn schon auch irgendwann mal gerne wandern würden). Wir fassen stattdessen ein paar kürzere Wanderungen ins Auge. Das hier ist die erste:

Die ersten Kilometer folgt dieser Wanderweg der Route des großen Kungsleden-Trails. Das führt dazu, dass wir sowohl Wanderer sehen, die dick bepackt mit großen Wanderrucksäcken und allerhand Equipment unterwegs sind – als auch solche, die, wie wir, nur mit Sneakern und Tagesrucksäcken eine kleine Runde drehen.

Wir laufen am Ostufer des Abiskojåkkas entlang und sehen die Wassermassen an uns vorbeidonnern. Der Fluss führt hier in unregelmäßigen Schlangenlinien durch eine schmale, wenige Meter tiefe Schlucht (ist Schlucht der richtige Begriff, wenn die Felswände nur zwei bis drei Meter hoch sind?!). Der Geräuschpegel ist enorm. Da merkt man mal wieder richtig, wie viel Kraft Wasser doch so haben kann. Und dennoch ist es überraschend, wie sehr die Bäume diesen Geräuschpegel doch dämpfen können, wenn der Wanderweg mal für ein Stück durch den nebenliegenden Wald führt.

Das Wetter ist hervorragend, die Sonne scheint, der Himmel ist blau, um uns herum ist alles grün und rundum sehen wir Berge mit ein bisschen Schnee auf den Gipfeln. Es sieht völlig anders aus, als das Schweden, das wir bisher so erlebt haben. Es fühlt sich irgendwie mehr nach Norwegen, Kanada oder einem sommerlichen Alaska an (ohne dass wir jemals auch nur in einem dieser Länder/Regionen waren😜). Wir sind in jedem Fall begeistert – vor allem ich bin begeistert, denn diese Kombination aus Wasser, Bergen und unberührter Natur ist genau das, was ich so liebe.

Und bevor ich hier jetzt weiter rumschwafele, füge ich jetzt einfach mal die Bilder unserer ersten Wanderung ein (zusammen mit den letzten Bildern unserer Anfahrt in den Nationalpark):

Da die Wanderung nur 5,5 km lang war und wir nach 1 Std. und 45 Minuten schon wieder zurück am Camper sind, entscheiden wir uns dazu, direkt noch eine kleine weitere Tour hinten dran zu hängen. Und zwar die, die auf der Webseite des Nationalparks als „must do“ beworben wird.

Diese rund 500 m kurze Wanderung führt am Rand der tiefen Schlucht entlang, dann mit einer Brücke einmal rüber und auf der anderen Seite der Schlucht zurück bis zum Naturum, dem Nationalparkzentrum. Die gesamte Strecke ist rollstuhlgerecht ausgebaut (auch wenn wir auf dem Rückweg einen kleinen Abstecher davon machen, um nochmal etwas näher an die Schlucht zu kommen). Wieder einmal ein Zeichen dafür, wie toll die Outdoor-Infrastruktur hier in Schweden sehr sehr häufig ist.

Stellplatz im Abisko Nationalpark

Wer aufgepasst hat, hat vielleicht gemerkt, dass ich euch vom zweiten Tag vor dem ersten berichtet habe. Aber das gibt mir jetzt die Gelegenheit, euch ganz in Ruhe von unserem Stellplatz im Abisko Nationalpark zu erzählen. Wobei richtiger ist: vom Stellplatz außerhalb des Nationalparks. Denn auch wenn es in Schweden eine ganze Reihe von Nationalparks gibt, in denen es ausgewiesene, kostenfreie Stellplätze für Wohnmobile gibt, gehört der Abisko Nationalpark nicht dazu. Hier gibt es zwar zwei große Parkflächen (auf denen es sogar etwa 10 Parkplätze mit Stromanschluss gibt!), allerdings ist das Übernachten hier verboten.

Da wir, wie ihr euch vorstellen könnt, trotz unserer abendlich späten Ankunft im Park nicht auf den örtlichen Campingplätz ausweichen wollen, schauen wir wieder einmal bei park4night und mit Hilfe der Google Satellitenansicht nach möglichen Stellplätzen für die Nacht. Vor allem westlich vom Park, in Richtung der norwegischen Grenze, die von hier nur noch wenige Kilometer entfernt ist, gibt es einige Park- und Picknickplätze, die sich als Stellplatz für den Besuch des Nationalparks eignen.

Als wir die vermeintlich schönen, am Wasser gelegenen Plätze abfahren, müssen wir jedoch rasch feststellen, dass die alle bereits pickepacke voll sind. Ganz schön was los hier im Norden. Wir fahren also weiter in Richtung Westen und kommen nach einer guten Viertelstunde zu einem kleinen Schotterplatz direkt an der kleinen Hauptstraße, auf dem ein Kornspeicher (oder vielleicht Streusalz?!) steht. Hier bleiben wir erstmal. Ist zwar auf den ersten Blick nicht wirklich schön und liegt vor allem auch direkt an der Straße, aber viele Autos kommen hier scheinbar nicht vorbei und außerdem können wir von hier am nächsten Morgen gut und schnell in den Nationalpark starten.

Die letzten beiden Dinge bewahrheiten sich auch: tagsüber kommt hier gefühlt alle Viertelstunde mal ein Auto vorbei – nachts gar keins – und innerhalb von 15 Minuten sind wir von hier im Zentrum des Nationalparks. Das ist also schonmal super. Und als wir uns am nächsten Tag mal in Ruhe umschauen stellen wir auch fest, dass es doch durchaus sehr schön um uns herum ist. Das zeigt spätestens ein kleiner Drohnenflug. Schweden ist, wenn selbst die Ausweich-Stellplätze klasse sind🥰:

Vom Stellplatz aus gehe ich am zweiten Tag mal alleine auf Erkundungstour. Tina hat mir die Haare geschnitten und bleibt lieber im Camper. Von der Parkbucht, auf der wir stehen, führt ein kleiner Pfad nördlich der Straße in einen kleinen Wald / hohes Gestrüpp hinein. Wohin er führt, finde ich nicht heraus, aber ich gehe einfach mal los.

Nach wenigen Metern erreiche ich einen Fluss, der über kleine Stromschnellen bergab fließt und von einer Brücke überspannt wird. Ich gehe ein bisschen weiter, einen kleinen Hügel hinauf und genieße die tolle Aussicht während ich eine Zeitraffer-Aufnahme mache. Doch nach einer knappen Viertelstunde muss ich die Flucht ergreifen – ich werde von Mücken attackiert. Anfangs sind es nur ein paar wenige, aber dann werden es mehr und mehr. Nach einer Weile gebe ich mich geschlagen und beeile mich, um fix zurück zum Camper zu kommen.

Wir besteigen den Gipfel des Nuolja

Die Gegend rund um den Abisko Nationalpark bietet weltweit die höchste Wahrscheinlichkeit Polarlichter zu sehen. Es gibt kaum Lichtverschmutzung, da es im Umkreis von ca. 100 km nur wenige kleine Städte gibt. Abisko liegt 195 km nördlich des Polarkreises, und damit in der Mitte des Breitengradbereiches (60° bis 80°), in dem die Bänder des Polarlichtes meistens auftreten. Zudem weist das Gebiet die niedrigste Niederschlagswahrscheinlichkeit in Schweden auf, da der benachbarte Berg Nuolja die Wolken zumeist abhält.

Perfekte Gegebenheiten. Kein Wunder also, dass es hier auf dem Berg Nuolja eine sogenannte Aurora Sky Station gibt, von der aus BesucherInnen bei traumhafter Aussicht die Polarlichter bewundern können. Aber das geht natürlich nur dann, wenn sich die Polarlichter auch zeigen. Dass wir dieses Glück nicht haben werden, da Polarlichter in aller Regel nur in den Wintermonaten entstehen, haben wir eingangs schon erwähnt. Trotzdem wollen wir uns die vermeintlich tolle Aussicht vom Gipfel des Berges nicht entgehen lassen und entscheiden uns daher dazu, auf die 1.169 m aufzusteigen.

Okay, ja, für die ersten 900 Höhenmeter nutzen wir den Sessellift, den es hier gibt.😉 Aber hey, die übrigen knapp 250 Höhenmeter sind bei Temperaturen von fast 30° Celsius immer noch anstrengend genug. Das Panorama, das uns oben erwartet, ist tatsächlich phänomenal. Auf den Fotos kommt das nicht so wirklich rüber, aber vom Gipfel des Nuolja hat man ein volles 360° Panorama, einen tollen Blick auf den riesigen See im Tal und auf die umliegenden, teils schneebedeckten Gipfel und im Westen bis ins wenige Kilometer entfernte Norwegen. Die Wanderung hier hoch können wir absolut empfehlen!

Und da dieser Blogeintrag und das folgende Video nun bereits ganz schön lang sind, ziehen wir hier zunächst mal einen Schlussstrich und berichten von unserem letzten Tag im Abisko Nationalpark dann beim nächsten Mal.🙂

Bis es soweit ist senden wir euch allerbeste Grüße aus dem hohen Norden Schwedens!
Dirk & Tina

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