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#9 // Kirgisistan & China Teil 1 (Xinjiang)

Wenn dieser Eintrag online geht, ist unser Aufenthalt in Kirgisistan und China schon knapp zwei Monate her. Wir sind jedoch erst jetzt dazu gekommen, die Notizen unserer Erlebnisse auszuformulieren, die Bilder zu sortieren und die Videoclips zusammenzuschneiden, da wir in den letzten Wochen sehr viel rumgekommen sind und eingespannt waren: erst sind wir gute zwei Wochen durch das faszinierende Pakistan gefahren, dann einige Tage durch den Norden Indiens, um nach Nepal zu kommen und zuletzt waren wir vier Wochen im Himalaya wandern und haben eine Pause von der digitalen Welt eingelegt. All das erzählen wir euch in den kommenden Beiträgen ausführlicher -- da wir aber wie immer vorne anfangen, geht es jetzt erst einmal um unsere (relativ kurze) Zeit in Kirgisistan und China.

Kirgisistan


Es ist Mittwoch, der 18. September 2019 und wir stehen auf 4.250m Höhe auf dem Kyzyl-Art Pass. Der Pass liegt im Niemandsland zwischen Tadschikistan und Kirgisistan. Ausgereist aus Tadschikistan sind wir bereits -- die Grenzkontrolle liegt hinter uns im Tal. Die Einreise nach Kirgisistan steht uns noch bevor -- der Grenzposten liegt vor uns, ebenfalls im Tal. Die offizielle Grenzlinie zwischen beiden Staaten liegt jedoch genau hier auf dem Pass auf 4.250m Höhe. Und das macht den Grenzübergang zur zweithöchsten befahrbaren Grenze der Welt. Höher liegt nur noch die Grenze zwischen China und Pakistan auf dem Khunjerab Pass (4.693m). Die überfahren wir in etwas mehr als einer Woche.

Jetzt wollen wir aber erst einmal nach Kirgisistan. Wir fahren die Schotter-/Sandpiste vom Pass hinab und sind froh, dass es trocken ist. Der lose, rot-braune Untergrund lässt klar erkennen, dass er bei Regen zu einer tiefen Schlammgrube wird. Die Berichte von anderen Overlandern, die beim Hinauffahren auf eben diesen Pass stecken geblieben sind, haben wir noch im Hinterkopf. Aber wie gesagt, wir haben Glück und können unseren Blick von der Straße heben und stattdessen bei bestem Wetter die tolle Aussicht genießen. Wir sind umgeben von hohen Bergen -- teils Siebentausender -- und schneebedeckten Gipfeln.

Die Passkontrolle bei der Einreise geht schnell und rasch haben wir unsere neuesten Stempel im Pass. Doch wie schon so häufig zuvor, kommt auch in Kirgisistan nach der Passkontrolle noch der Zoll. Und hier stehen wir leider sehr lange. Das liegt nicht daran, dass die Zollbeamten so viele andere Autos und Dokumente zu bearbeiten hätten -- in den zwei Stunden, die wir warten, kommen lediglich drei andere Fahrzeuge vorbei, die allesamt ausreisen wollen. Es liegt auch nicht daran, dass die Zollbeamten langsam arbeiten oder irgendein undurchsichtiger, bürokratischer Akt die Arbeit behindert (wie wir es an so vielen anderen Grenzen schon erlebt haben). Der Grund dafür, dass wir warten müssen ist schlicht und ergreifend ein Stromausfall. Ohne Strom kein Computer, ohne Computer kein Einreisedokument. Und so warten wir gute zwei Stunden, räumen unser Auto ein bisschen auf und schnacken ein wenig mit Händen und Füßen mit den freundlichen Grenzbeamten. Als nach über zwei Stunden immer noch nichts geht, es langsam beginnt, dunkel zu werden und der scheinbar oberste Zollbeamte bereits seine Schicht beendet hat, entschließt sich einer seiner Kollegen dazu, uns ein handschriftliches Einreisedokument zu erstellen, dass wir bei der Ausreise einfach vorzeigen sollen. Die vorgeschriebene Zollgebühr in Höhe von 15 USD würde dann erst bei der Ausreise fällig. Heute wissen wir: Bei der Ausreise wollte niemand auch nur irgendein Dokument sehen und 15 USD wurden auch nicht eingezogen.

Wir sind also in Kirgisistan. Lange werden wir jedoch nicht bleiben, denn bereits in fünf Tagen steht unsere erste China-Durchquerung an. Wir nutzen die Zeit, bis es soweit ist, um uns von den harten Straßen Tadschikistans zu erholen. Im ersten Dorf hinter der Grenze, Sary Tash, kaufen wir ein paar Lebensmittel und eine SIM-Karte. Die charismatische Betreiberin des kleinen Tante-Emma-Ladens berichtet uns stolz, dass es seit letztem Samstag in Sary Tash endlich schnellen 4G-Internetempfang gäbe. Das freut natürlich auch uns sehr. Bevor die letzten Sonnenstrahlen verschwinden suchen wir uns noch schnell einen Stellplatz neben der Straße und fallen ins Bett.

Am nächsten Morgen blicken wir aus einem unserer Heckfenster und sind noch immer überwältigt vom Blick auf die schneebedeckte Bergkette, die sich unweit von uns entlang der kirgisisch-tadschikischen Grenze auftürmt. Da wollen wir doch noch einmal etwas näher ran. Die australische Familie, die wir in Samarkand getroffen hatten, hatte uns einen Campspot ganz in der Nähe empfohlen -- am Fuße des Siebentausenders Pik Lenin. Wir füllen unseren Wassertank an der Quelle des nächsten Dorfes auf, bleiben dort eine weitere Nacht und machen uns dann auf den Weg zum Pik Lenin.

30km unbefestigte Schotterpiste liegen vor uns. Doch nach der Hälfte entscheiden wir: In den letzten Wochen wurden wir genug durchgerüttelt. Wir fahren nicht bis zum Ende, sondern bleiben genau hier auf halber Strecke stehen. Schön ist es auch hier. Und vor allem abgelegen und ruhig. Zwischen unzähligen grasbedeckten Hügeln schlagen wir unser Lager für die nächsten Nächte auf. Dirk schickt die Drohne in die Luft und „Herr der Ringe“-Filme vertreiben uns die Zeit bis zur China-Durchquerung.

Gemeinsam durch China

Zwei Tage später am 22. September fahren wir zurück nach Sary Tash. Hier treffen wir uns mit Ashim, Brian, Klaas und Annemarie, mit denen wir zusammen China durchqueren wollen. Schon vor Monaten haben wir uns über Facebook und das Horizons Unlimited Forum zusammengefunden. Alle mit dem gleichen Ziel: Die Kosten der eigenen China-Durchquerung zu reduzieren. Denn China mit einem eigenen Fahrzeug durchqueren zu wollen ist teuer.

Wer mit seinem eigenen Auto oder Motorrad in China fahren möchte (und es ist schwer bei einer Asien-Rundfahrt um dieses riesige Land drum herum zu kommen), braucht neben einem gültigen Visum und einem Haufen Papierkram (inkl. eines chinesischen Führerscheins) auch einen Guide, der einen die gesamte Zeit begleitet. Da führt kein Weg dran vorbei. Und das ist natürlich teuer.
Nach einer detaillierten Durchsicht der gängigen Anbieter haben wir uns gemeinsam für die Agentur Kashgar Newland Travel entschieden und für die 4 Tage / 3 Nächte letztlich jeweils 1.150 USD pro Fahrzeug und 100 USD für jeden Beifahrer/Passagier bezahlt. Enthalten sind hier der Guide, alle notwendigen Dokumente sowie die Hotelübernachtungen (im Camper zu übernachten ist in der chinesischen Provinz Xinjiang leider strikt verboten). Das nötige Visum hatten wir ja zudem bereits von Kroatien aus postalisch bei der chinesischen Botschaft in Berlin beantragt (auch hier gezwungenermaßen mit Hilfe einer Agentur) und konnten es schließlich in der Türkei in Empfang nehmen (173,50 € pro Visum zzgl. Versand). Alles in allem also die mit Abstand teuersten 4 Tage unserer Reise.

Eine äußerst angenehme Zweckgemeinschaft

Aber naja, es hilft ja nichts. Und so lassen wir uns davon auch nicht die Laune verderben, als wir abends mit den anderen Vieren beim Essen im Guesthouse sitzen. Klaas und Annemarie (Webseite), die aus Holland bzw. Belgien kommen, im Rentenalter sind und mit ihrem Land Rover Defender schon Nord- und Südamerika sowie Afrika durchquert haben, haben uns allen ein paar Flaschen belgisches Bier mitgebracht.
Der Australier Ashim (Instagram), der sich um das Einholen aller Angebote bei den unterschiedlichen Agenturen gekümmert hat, bekommt zum Dank eine große Schachtel Schokolade. Er verspricht, sie für einen besonderen Moment aufzubewahren -- zum Beispiel für dann, wenn er voraussichtlich 6 Monate nach seinem Start in Wladiwostok, Russland mit seinem Motorrad (erstaunlicherweise eine Sport-Maschine) an seinem Ziel Mumbai, Indien ankommt. Oder für den Moment, wenn er kurze Zeit darauf seine Frau in Brasilien wiedertrifft, um gemeinsam mit ihr durch Mittelamerika zu reisen.
Wir sitzen zusammen mit Brian am Tisch. Brian ist 60, kommt aus Dänemark und besitzt dort ein paar Schuhgeschäfte. Jetzt ist er aber gerade dabei, sich endlich seinen lang gehegten Traum zu erfüllen, ein bisschen die Welt zu bereisen. Er ist auf dem Weg nach Australien, von wo er sein Motorrad nach Südamerika verschiffen will, um von dort dann bis nach Alaska zu fahren. Seine Frau hat ihm den Segen gegeben, so lange weg bleiben zu dürfen, wie er kann und will.

Eigentlich hätte auch noch Omar (YouTube) aus Saudi Arabien zu uns stoßen sollen. Er hatte sich erst recht kurzfristig unserer Gruppe angeschlossen. In seiner letzten Nachricht an Ashim hatte er von Problemen an seinem Motorrad berichtet. Er sei in Kirgisistan, wisse aber noch nicht, ob das Bike rechtzeitig repariert werden könne, um es mit uns über die Grenze nach China zu schaffen. Es bleibt wohl spannend.

Am nächsten Morgen treffen wir uns alle um 8 Uhr, um gemeinsam die letzten 80km bis zur Grenze zu fahren. Die Strecke führt uns entlang der schneebedeckten Gipfel des Transalaigebirges und ist wahnsinnig schön. Spätestens jetzt ist Tina und mir klar, dass wir unbedingt noch einmal nach Kirgisistan zurückkehren wollen, um hier etwas mehr Zeit zu verbringen. Glücklicherweise werden wir auf dem Rückweg nach Europa sowieso noch einmal verhältnismäßig nah an die nördliche Grenze Kirgisistans kommen und sollten es die Rahmenbedingungen zulassen, können wir dann noch einmal einen ausgiebigeren Abstecher einlegen.

China


Schon etwa 10km vor der Grenze zu China beginnt eine schier endlose Schlange an LKW, die in das Reich der Mitte einreisen wollen. Und obwohl wir unseren Touri-Bonus mal wieder ausspielen und einfach an der Schlange vorbeifahren, erreichen wir die chinesische Grenze letztlich wenige Minuten später, als wir es mit der Agentur vereinbart hatten -- das würden wir noch bereuen. So richtig unsere Schuld war es aber nicht, denn bereits vor dem großen Grenzposten und vereinbarten Treffpunkt mussten wir zwei kleinere Grenzposten passieren, von denen wir nichts wussten, und an denen jeweils unsere Pässe kontrolliert und erfasst wurden, was bei sechs Leuten und chinesischer Gründlichkeit schon mal etwas dauern kann.

Am richtigen Grenzposten treffen wir dann nicht nur auf Emir, den Guide, der uns die nächsten vier Tage begleiten würde, sondern auch auf Omar. Die Stoßdämpfer seines Motorrads konnten gerade noch rechtzeitig repariert werden und er hat sich dann fix allein auf den Weg zur Grenze gemacht. Begleitet wurde er dabei zumindest im Geiste von seinen 119.000 Followern bei YouTube und Instagram, die er täglich mit neuem Content versorgt. Er ist ein äußerst kommunikativer und humorvoller Geselle, der von sich selbst sagt, er sei der erste Mensch, der, nachdem er die Welt bereits einmal mit dem Fahrrad umrundet habe, das gleiche nun mit dem Motorrad macht.

Hürden der Einreise nach China

Nach einer kurzen Begrüßungsrunde geht er dann los, der vielschichtige und umfangreiche Einreiseprozess. Emir übernimmt die Kommunikation mit den Grenzbeamten und fordert uns kurze Zeit später auf, unsere Autos und Motorräder vor die große Halle zu fahren, in der eine überdimensionale X-Ray-Maschine unsere Fahrzeuge durchleuchten würde. Unsere Nervosität steigt sofort, denn wir haben ja unsere Drohne dabei und Drohnen sind auch in China nicht so richtig gerne gesehen. Wir haben sie zwar gut versteckt, aber Röntgenstrahlen sind ja leider extrem gut darin, versteckte Gegenstände ausfindig zu machen.

Die drei Motorräder fahren als erstes in die Halle und werden gemeinsam gescannt. Gerade als Klaas und ich uns bereit machen, unsere Autos als nächstes in die Halle zu fahren, schließen zwei Grenzbeamte direkt vor uns die riesigen Tore. Es ist exakt 11.30 Uhr (bzw. 13.30 Uhr Peking-Zeit, die hier jeder als Referenz nutzt). 11.30 Uhr heißt Mittagspause. Und da nehmen es die Grenzbeamten hier wohl sehr genau. Das Scannen der beiden Autos hätte vielleicht drei Minuten gedauert. Aber nein, die Mittagspause wird pünktlich angetreten. Unser Guide Emir weiß das und resigniert nach kurzer Diskussion. Die Sache ist: Die Mittagspause dauert hier ganze drei Stunden. Ja, ihr habt richtig gelesen, DREI Stunden. Wir sitzen also drei Stunden lang fest. Das gesamte Gebäude wird verriegelt.
Wir nutzen unsere auferzwungene Freizeit dazu, ebenfalls gemeinsam Mittag zu essen und uns alle etwas besser kennenzulernen. Das, was sich bereits beim gestrigen Abendessen angedeutet hat, bekräftigt sich: Hier hat sich ein Haufen lustiger und interessanter Menschen zusammengefunden. Unsere Gruppe harmonisiert wirklich sehr gut miteinander.

Am Nachmittag geht es dann endlich weiter: Zunächst werden die beiden Autos und dann wir Menschen durchleuchtet. Ashim, der ebenfalls eine Drohne dabei hat und diese in seinem Motorrad nicht verstecken konnte, wird seine Drohne abgenommen. Nach langen Gesprächen und der Durchsicht eines Teils seiner gefilmten Aufnahmen bekommt er sie jedoch glücklicherweise zurück und darf sie mitnehmen -- nur nutzen darf er sie in China nicht.

Klaas und ich warten derweil draußen auf das Ergebnis der Röntgen-Durchleuchtung unserer Camper. Es kommt ein Grenzbeamte zu uns, der auf seinem Handy die Aufnahmen hat und auf denen einige Bereiche eingefärbt sind. Diese schaut er sich am und im Auto genau an. Bei unserem Camper hat lediglich der Kühlschrank und unsere Wasser-Notreserve unter der Sitzbank eine Verdächtigung ausgelöst. Beides fotografiert der Grenzbeamte detailliert und ist dann zufrieden. Unsere Drohnen-Versteck scheint sich also bewährt zu haben.

Bei Klaas und Annemarie fällt die Nachkontrolle etwas genauer aus. Sie haben zwar keine Drohne an Bord, müssen aber leider ihren geliebten Käse, getrocknete Aprikosen, Marmelade und Fisch in Dosen abgeben.

Emir muss noch auf einige Dokumente warten, aber am frühen Abend dürfen wir dann endlich weiterfahren. Wir haben jedoch noch ordentlich was vor uns: Erst fahren wir 140km in die einbrechende Dunkelheit hinein bis zum nächsten Grenzposten -- erst hier reisen wir offiziell ein, bekommen Stempel in unsere Pässe und unsere vorläufigen chinesischen Führerscheine ausgehändigt. Jedoch müssen wir unsere Fahrzeuge über Nacht hier stehen lassen, da die Bearbeitung der Einreisedokumente dafür noch etwas Zeit in Anspruch nimmt. Die letzten 100km bis Kashgar fahren wir daher mit einem Bus. Um 00.30 Uhr (bzw. 2.30 Uhr Peking-Zeit) erreichen wir dann endlich das Hotel, das die Agentur für uns gebucht hat. Es fällt überraschend modern und komfortabel aus.

(Fotos von den ganzen Check-Points haben wir leidern nur äußerst begrenzt, da man gerade in Xinjiang/China sehr vorsichtig sein muss, keine staatlichen Einrichtungen zu fotografieren)

Am nächsten Tag haben Tina und Annemarie einen Tag frei -- ich hingegen sitze schon um 07.30 Uhr wieder mit den anderen Fahrern in einem Auto, das uns zurück zum Grenzposten und unseren Fahrzeugen bringt. Hier steht als erstes die Desinfizierung der Motorräder und Autos an. Das geht fix. Die Fahrzeuge werden lediglich wenige Sekunden lang mit einem Desinfektionsmittel benebelt -- bei unserem Van wird die obere Hälfte dabei gar nicht erreicht. Den Rest des Vormittags verbringen wir mal wieder mit Warten. Warten darauf, dass die Zollbeamten endlich das „Go“ geben, damit wir den Grenzposten verlassen dürfen. Mit voranschreitender Zeit werden wir dabei immer nervöser, da die Mittagspause der Grenzbeamten mit großen Schritten näher kommt. Und die dauert auch hier drei Stunden. Doch wenige Minuten vor dem Beginn der Pause kommt endlich die Nachricht, dass alle Dokumente fertig bearbeitet seien und wir fahren dürfen.

Uiguren und die totale Überwachung

Wir machen uns auf den Weg zurück zum Hotel. Auf dem Weg dorthin passieren wir unzählige Kameras, die unsere Kennzeichen erfassen. Zudem müssen wir -- wie schon auf dem Hinweg und am Tag zuvor -- an mehreren Checkpoints aussteigen und unsere Pässe werden kontrolliert. Diese völlige Kontrolle betrifft nicht nur uns Touristen, sondern in erster Linie die einheimische Bevölkerung. Der Grund dafür: Hier in der Provinz Xinjiang leben hauptsächlich Anhänger der muslimischen Minderheit der Uiguren. Und die sind der politischen Führung in Peking aus unterschiedlichen Gründen ein Dorn im Auge.

Dass die Uiguren vom chinesischen Staat stark unterdrückt werden, wussten wir schon im Vorfeld. Das tatsächliche Ausmaß und die Einschränkungen dadurch im täglichen Leben wurden uns jedoch erst durch unseren Guide Emir (Name zur Sicherheit geändert) klar gemacht. Er berichtet uns von den Straflagern, in denen rund 1 Million Uiguren ohne Prozesse festgehalten werden, von der uigurischen Sprache, die verloren geht, da alle der Minderheit angehörigen Lehrkräfte durch „richtige Chinesen“ ausgetauscht wurden. Er berichtet uns von der Verbrennung religiöser Bücher und dem Verbot religiöser Traditionen. Er erzählt uns von der Umsiedlung von Millionen von Chinesen in die Provinz, um so die Kultur der Uiguren zu unterwandern. Er berichtet uns, dass allen Uiguren die Reisepässe entzogen wurden und sie daher das Land nicht verlassen können. Er berichtet uns von Stasi-ähnlichen Zuständen und davon, dass man extrem aufpassen muss, mit wem man über diese Thematik überhaupt spricht.
All das erzählt Emir nicht in der Öffentlichkeit. Lediglich als er mit uns alleine im Auto fährt und so sicher sein kann, dass niemand das Gespräch mithören kann, öffnet er sich. Er erzählt, dass sein eigener Bruder in einem der Straflager sitzt, da er zu einer Zeit, als die Uiguren noch Reisepässe hatten, einmal nach Mekka gereist ist. Er erzählt uns, dass die chinesische Regierung die Straflager öffentlich als Bildungseinrichtungen bezeichnet.
All das sind unglaublich erschreckende, traurige und erschütternde Geschichten. Vieles davon ist in der Öffentlichkeit bekannt, jedoch scheut sich die internationale Staatengemeinschaft bisher davor, einzuschreiten. Niemand will die Wirtschaftsmacht China wohl gegen sich aufbringen. Aber Emir berichtet auch, dass er die Hoffnung nicht aufgebe. Wir hoffen, dass seine Hoffnung nicht enttäuscht wird und neue Berichte, wie sie die New York Times bzw. der SPIEGEL erst kürzlich veröffentlicht hat, zu einer Verbesserung der Situation beitragen.

Die völlige Kontrolle endet auch an der Zapfsäule nicht. Da die Tanks der Motorradfahrer leer sind, steuern wir die nächste Tankstelle an. Der Sprit fließt jedoch erst, nachdem Emir seinen Ausweis vorgelegt hat. Es wird genau erfasst, welcher Bürger wie viel Benzin bezieht. Touristen bekommen ohne Hilfe eines Einheimischen keinen Sprit. Und da Emir häufig Touristengruppen durch Xinjiang schleust und sein Ausweis daher für verhältnismäßig viele Tank-Transaktionen herhalten muss, passiert es gelegentlich, dass sein Telefon klingelt und er sich bei einem Regierungsmitarbeiter dafür rechtfertigen muss.

Kashgar

Als wir am frühen Nachmittag zurück beim Hotel ankommen, wartet bereits der Geschäftsführer der Agentur Kashgar Newland Travel auf uns, um uns unsere temporären chinesischen Kennzeichen und Führerscheine auszuhändigen. Eine weitere bürokratische Hürde, die ohne Chinesisch-Kenntnisse nicht zu meistern wäre, ist überwunden.

Und dann beginnt der beste Teil unserer China-Durchquerung: ein kleines bisschen Freizeit. Den Rest des Tages haben wir Zeit, die Altstadt Kashgars auf eigene Faust zu erkunden. Nach einem gemeinsamen Mittagessen mit dem Rest der Gruppe brechen Tina und ich auf, um einfach ein bisschen in der Gegend umherzulaufen. Wir haben nicht allzu viel Zeit, aber das was wir von der Altstadt Kashgars sehen, ist wirklich schön. Wir laufen an unzähligen Straßenständen vorbei, die von frischem Obst bis hin zu merkwürdigsten Fleischgerichten so ziemlich alles verkaufen, was man essen kann. Und dann geraten wir auch noch in den Dreh eines Musikvideos. Ein sehr interessanter Tag.

Auf dem Karakorum Highway Richtung Süden

Heute fahren wir 300km von Kashgar nach Taschkurgan und arbeiten uns langsam aber sicher das Karakorum-Gebirge hinauf. Dabei fahren wir bis zu einer Höhe von etwa 4.000m (Kashgar liegt lediglich auf 1.270m). Die Straße -- namentlich der unter Reisenden sehr bekannte Karakorum Highway -- ist fast die gesamte Strecke in perfektem Zustand. Eine solch gute Straße sind wir schon seit Ewigkeiten nicht mehr gefahren. So ganz verwunderlich ist die Qualität der Straße jedoch nicht, schließlich ist der Karakorum Highway Teil der chinesischen „One Road, One Belt“-Initiative, die häufig auch als „Neue Seidenstraße“ betitelt wird. Was vielleicht romantisch klingen mag, ist letztlich aber auch nur das Bestreben Chinas, seine Waren und Güter möglichst gut, kostengünstig und weitreichend in die Nachbarländer und darüber hinaus zu bringen. Im Falle des Karakorum Highways soll langfristig die pakistanische Hafenstadt Gwadar erreicht werden, die eine strategisch wichtige Lage am Arabischen Meer inne hat.

Omars Motorrad

Auf halber Strecke gibt plötzlich das Motorrad von Omar seinen Geist auf und rollt aus. Die Batterie ist leer und das legt das komplette Bike lahm. Schnell wird die Lichtmaschine als defektes Teil identifiziert. Das is schlecht, denn es gibt in der Region keine Werkstatt, die eine Lichtmaschine eines solch modernen, europäischen Motorrads reparieren kann. Und uns läuft die Zeit davon -- wir dürfen alle lediglich vier Tage in China bleiben und müssen das Land morgen in Richtung Pakistan verlassen.

Es gibt zwei Möglichkeiten: Entweder jemand kann improvisieren und das Motorrad provisorisch so weit reparieren, dass Omar es rechtzeitig über die Grenze schafft; oder es muss ein Truck her, der Omar samt Motorrad bis nach Pakistan fährt. Wir entschließen uns, Ersteres zumindest zu versuchen und Brian schleppt Omar bis ins nächste Dorf. Der örtliche Mechaniker ist tatsächlich guter Dinge, dass das Motorrad mit Hilfe einer zusätzlich montierten Batterie, die über Nacht geladen werden kann, den Weg bis nach Pakistan schafft. Da er jedoch keine Batterie hat, die in das vorgesehene Batteriefach von Omars Motorrad passt, wird kurzerhand eine Batterie auf den hinteren Gepäckträger montiert und die Kabel verlängert. Die Stunde, die die Reparatur dauert, nutzen wir für ein Mittagessen im kleinen Restaurant nebenan. Hier haben wir eines der besten Essen in Wochen -- Nudeln mit gebratenem Gemüse, Fleisch, Dumplings und einer fruchtig-scharfen Soße.

Weiter geht’s. Den Rest des Tages fahren wir durch unterschiedlichste Berglandschaften, vorbei an schneebedeckten Gipfeln, tiefblauen Bergseen, Hochebenen und wilden Kamelen. Die Natur ist wirklich vielfältig, dramatisch, schön und weitestgehend unberührt. Klar, auch hier gibt es regelmäßige Polizei-Checkpoints, aber es werden zumindest weniger.

Abends checken wir wieder in einem Hotel ein. Da die Betten unbequem sind und der Gestank des Badezimmers unser ganzes Zimmer durchströmt, schlafen Tina und ich kurzerhand in unserem Van. Das ist, wie gesagt, verboten und so erzählen wir Emir nicht davon. Aber in dein eigenen vier Wänden schlafen wir doch einfach am besten.

Ein letzter chinesischer Checkpoint

Und dann bricht er auch schon an, unser vorläufig letzter Tag in China. Das Frühstück im Hotel macht auf keinen von uns einen allzu schmackhaften Eindruck und so beschließen wir, noch kurz ins Stadtzentrum zu fahren, um uns ein paar Fladenbrote zu besorgen. Als wir mit zwei Campern und drei westlichen Motorrädern an einer Straßenecke Halt machen, ziehen wir mal wieder große Aufmerksamkeit und interessierte Blicke der Einheimischen auf uns. Wir haben jedoch nicht lange Zeit zu interagieren, da wir pünktlich zur morgendlichen Öffnung des Grenzpostens vor dessen Toren stehen wollen. Der Ausreiseprozess würde hier nämlich wieder einige Stunden in Anspruch nehmen und auch hier gibt es eine lange Mittagspause, vor der wir unbedingt versuchen sollten, mit allem fertig zu sein, um es noch vor dem Einbruch der Dunkelheit bis nach Pakistan zu schaffen.

Am Grenzposten angekommen, verbringen wir erneut die meiste Zeit damit, zu warten. Emir lässt einige Dokumente ausfüllen, bittet uns zwischendurch einige chinesische Schriftstücke zu unterschreiben und führt uns dann abermals zu einer großen Halle, in der unsere Camper und Motorräder nochmals gescannt werden. Vor uns sind aber noch knapp 50 LKW und Busse dran und so geht die Warterei weiter. Verkürzt wird die Zeit dadurch, dass wir immer wieder hitzige Diskussionen mit anschauen können, wenn einer der LKW oder Busse versucht, vorzudrängeln. Wenn Pakistani und Chinesen miteinander diskutieren, stoßen Temperamente aufeinander.

Als wir endlich alle durch den X-Ray-Scanner sind und unsere Fahrzeuge vom Zoll das „Go“ bekommen, ist es schon wieder kurz vor Beginn der Mittagspause. Und wir haben unsere Ausreise-Stempel noch nicht in den Pässen. Wir sprinten also schnell zum nächsten Gebäude, füllen die Exit-Cards aus und stellen uns in die Schlange. Es geht langsam voran und wir schauen sekündlich auf unsere Uhren.
Es ist wieder mal knapp, aber letztlich schaffen wir es rechtzeitig! Keiner von uns wäre scharf drauf gewesen, weitere drei Stunden zu warten und vor allem die anstehende Fahrt mit vermeintlich spektakulären Bergpanoramen -- besonders auf der pakistanischen Seite -- im Dunkeln zu bestreiten.

Der Khunjerab Pass -- die höchste Grenze der Welt

Wie schon an der Grenze zwischen Tadschikistan und Kirgisistan liegt die eigentliche Grenze zwischen China und Pakistan nicht hier an dem Grenzposten/Zollkontrolle, sondern einige Kilometer weiter auf dem „Gipfel“ eines Passes. In diesem Fall auf dem Khunjerab Pass, der, wie eingangs bereits erwähnt, mit 4.693m die höchste befahrbare Grenze der Welt darstellt (und auch den höchsten Geldautomaten der Welt beherbergt). Bis hierher sind es noch etwa 120km. Unser Guide Emir fährt dieses letzte Stück nicht mehr mit uns so heißt es Abschied nehmen.

Die Fahrt bis zum Pass führt uns durch die karge Berglandschaft Südost-Chinas. Rechts von uns türmen sich die letzten Ausläufer des Pamir-Gebirges auf, auf dessen anderer Seite Tadschikistan liegt. Links von uns sehen wir die schneebedeckten Gipfel des Karakorum-Gebirges, das den Beginn des Himalaya markiert. Und vor uns liegt der Hindukusch, der zwar größtenteils in Afghanistan liegt, hier jedoch ganz im Osten mit dem Khunjerab Pass die Grenze zwischen China und Pakistan bildet.

Es geht stetig bergauf und die Luft wird kälter. Bevor wir den Pass erreichen, müssen wir doch noch einmal durch zwei chinesische Checkpoints, was uns jedoch nicht lange aufhält. Omars Motorrad fängt wieder an Probleme zu machen, schafft es jedoch den Berg noch hinauf (heute wissen wir: hinter dem Pass hat es dann endgültig schlapp gemacht und musste von Brian bis in die nächste Stadt geschleppt werden).

Und dann ist es soweit: Wir stehen am berühmten Eingangstor zu Pakistan. Wir dürfen hindurchfahren und werden auf der anderen Seite freudig von etwa 50 Pakistani empfangen. Alle sind hier hoch gekommen, um einmal an der Grenze zu China zu stehen und Fotos von der herrlichen Umgebung zu machen. Auch wir müssen als Fotomotiv herhalten. Dabei fällt aber sofort die unglaubliche Freundlichkeit der Pakistani auf, die uns -- zumeist in sehr gutem Englisch -- immer erst höflich fragen, ob wir gemeinsam ein Foto machen können. Das ist in vielerlei Hinsicht ein großer Unterschied zu den Erfahrungen, die wir die letzten vier Tage in China gemacht haben.

Von unseren weiteren Erlebnissen in Pakistan berichten wir euch dann in unserem nächsten Blogeintrag.

Die vier Tage in China -- oder vielmehr in der Provinz Xinjiang, die sich, so wissen wir heute, doch wohl sehr vom eigentlichen China unterscheidet -- waren in jedem Fall ein Erlebnis. Ein Erlebnis mit Höhen (Kennenlernen von Ashim, Brian, Annemarie, Klaas, Omar, Emir; Einblicke in die Kultur und Landschaft; tolles Essen) aber auch mit Tiefen (Situation der Uiguren, totale Überwachung, etc.). In jedem Fall sind wir jetzt noch gespannter auf unseren zweiten Aufenthalt in China, der in etwa für Mai/Juni 2020 geplant ist, wenn wir von Laos in die Mongolei fahren und dafür etwa 3-4 Wochen lang China durchqueren werden.

Jetzt wünschen wir euch aber erst einmal viel Spaß beim Schauen unseres Video-Zusammenschnitts und senden herzliche Grüße in die Heimat.

Tina & Dirk

KYRGYZSTAN & CHINA: XINJIANG Part I -- Overland -- Let’s get otter here -- Episode 9

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