Asien,  Indien

#12 Indien – Teil I (Varanasi & Taj Mahal)

Indien hat uns vor allem wegen seiner wunderschönen Strände rund um Goa angezogen. Nach den Wochen der Kälte beim Wandern in Nepal konnten wir es kaum erwarten, uns in die Sonne zu legen, in die tiefblauen Wellen zu stürzen und mit einem guten Buch in der Hand einfach mal nichts zu tun. Natürlich gibt es in Indien aber so viel mehr zu erkunden. Und so haben wir auch die heilige Stadt Varanasi besucht, den Taj Mahal in Agra bewundert, Weihnachten in Kerala verbracht und den wenig besuchten Nordosten des Landes erkundet. Ein Roadtrip mit Höhen und Tiefen. Den ersten Teil davon gibt es jetzt hier.

Wagah Border

Seit wir im Mai 2019 in Deutschland losgefahren sind, haben wir schon eine ganze Menge Landesgrenzen passiert. Einige von ihnen waren im Grunde unsichtbar (wie jene innerhalb der EU); andere waren regelrechte Hochsicherheitstrakte und wurden von uns mit Spannung erwartet, da bis zuletzt nicht klar war, ob wir sie problemlos würden passieren dürfen (bspw. Turkmenistan oder China). Keine dieser Grenzübergänge ist jedoch auch nur im Ansatz mit der Wagah Border zwischen Pakistan und Indien vergleichbar.

Was diesen Grenzübergang so besonders macht, ist vor allem das große Stadion, das man bei der Einreise durchfahren muss und in dessen Mitte zwei große Tore stehen, die die Grenze markieren. Warum steht hier ein großes Stadion, mag man sich fragen. Wird hier in Zeiten, wo die Grenze geschlossen ist, etwas Fußball oder Cricket gespielt? Freuen sich die Einheimischen so sehr über Besucherinnen und Besucher, dass sie in Scharen zur Grenze kommen, um die Einreisenden zu begrüßen?

Nein. Das 15.000 Menschen fassende Stadion (+ ein sehr viel kleineres Pendant auf pakistanischer Seite) wurde erbaut, um den großen Menschenmassen gerecht zu werden, die sich hier allabendlich kurz vor Sonnenuntergang die Militärparade anschauen. In einer feierlichen und überspitzten Zeremonie werden hier jeden Abend die Tore zwischen den beiden Ländern geschlossen und die Fahnen eingeholt. Vor allem auf indischer Seite wird dieses Spektakel begleitet von Schlachtgesängen, lauter Musik und choreographierten Märschen, bei denen u.a. die Grenzsoldaten ihre Beine so hoch in die Luft reißen wie möglich. Die Zeremonie soll wohl einerseits die anhaltende Rivalität der beiden Länder und andererseits auch ihre Gemeinschaft und Kooperation miteinander symbolisieren. Für uns wirkt es wie ein gegeneinander Aufpeitschen und ein „wir sind besser als die anderen“-Gehabe. Ein Schauspiel, das die Massen begeistert, ist es aber in jedem Fall.

Taj Mahal Part I

Nach einer ruhigen Nacht auf einem Parkplatz inmitten der Stadt Amritsar fahren wir am nächsten Morgen weiter ins Landesinnere. Eigentlich wollen wir nur so schnell wie es geht nach Nepal, wo der Three Passes Trek auf uns wartet, den wir möglichst noch vor dem Ende der Wandersaison im Dezember beschreiten wollen. Einen kleinen Abstecher wollen wir aber noch einlegen. Denn die Stadt Agra mit Indiens Wahrzeichen Nr. 1, dem weltberühmten Taj Mahal, liegt nur wenige Kilometer abseits unserer direkten Route. Das wollen wir uns natürlich nicht entgehen lassen.

Und so kommen wir am späten Abend des 10. Oktober 2019 am Besucherparkplatz des Taj Mahal an. Unser Plan ist es, das Mausoleum, das im 17. Jahrhundert erbaut wurde, am nächsten Morgen so früh wie möglich zu besichtigen, um den großen Menschenmassen zumindest ein kleines bisschen zu entkommen (und um den hier häufig als magisch beschriebenen Sonnenaufgang zu erleben).

Der Parkplatz, auf dem wir auch übernachten wollen, ist jedoch schon geschlossen. Ein Parkwächter informiert uns, dass der Parkplatz auch am nächsten Tag nicht öffnen würde -- genauso wenig wie der Taj Mahal selbst. Das liegt daran, dass morgen Freitag ist. Freitags ist der Taj immer geschlossen. Ok, klar, das hätten wir wissen können, wenn wir es recherchiert hätten. Haben wir aber nicht. 🙂 Und so müssen wir uns zunächst damit begnügen, den Taj nur von außen sehen zu können. Das ist aber nicht schlimm, da wir in 6-7 Wochen, wenn wir zurück nach Indien kommen, hier ja noch einmal vorbeikommen können.

Wir machen uns also auf die Suche nach einem alternativen Schlafplatz und werden rasch fündig -- das Hilltop Hotel in Agra lässt uns auf dessen Parkplatz übernachten. Am nächsten Morgen stehen wir früh auf und wollen uns den Taj noch fix von der anderen Flussseite aus angucken -- hier gibt es einen vermeintlich guten Aussichtspunkt. Noch bevor wir da aber ankommen, erblicken wir den Taj durch Zufall durch eine Lichtung der Bäume am Straßenrand. Die Sonne geht gerade auf und färbt die Wolke über dem Taj in einem glühenden, dramatischen Orange. Der Taj selbst und die umliegenden, saftigen Wiesen steckt noch in Teilen im Morgennebel. Da die Stadt hinter uns erst langsam aus der Nacht erwacht, herrscht eine beruhigende Stille. Ein wirklich toller, magischer Anblick.

Auch der Aussichtspunkt auf der anderen Flussseite hält, was er verspricht. Wir bleiben jedoch nicht lange, sondern stürzen uns in den chaotischen Verkehr, um zwei Tage später die Grenze Nepals zu erreichen. Die 6 Wochen, die wir hier verbringen, sind in unserem letzten Blogeintrag und Video zusammengefasst: #11 Nepal – Three Passes Trek & Everest Base Camp

Varanasi

Nach 6 ereignisreichen Wochen in Nepal passieren wir die chaotische Grenze in Sonauli ein zweites Mal -- dieses Mal zurück nach Indien. Da das Ausfüllen der Dokumente wieder einmal recht lange dauert, ist es schon fast dunkel, als wir wieder im Auto sitzen. Glücklicherweise finden wir auf iOverlander schnell einen nahegelegenen Stellplatz für die Nacht. Trotz recht abgelegener Lage entdecken uns später einige Einheimische und klopfen energetisch gegen unsere Fenster. Da wir schon im Bett liegen und all unsere Verdunkelungs-Rollos geschlossen sind, reagieren wir nicht und hoffen, dass das Interesse der Einheimischen an uns nur von kurzer Dauer ist. Damit liegen wir leider falsch. Das Klopfen wird stärker und stärker und an allen Türgriffen wird feste geruckelt. Ich sehe mich also gezwungen, noch einmal aufzustehen. Draußen stehen vier junge Typen und geben mir in sehr gebrochenem Englisch zu verstehen, dass sie sich gerne mit mir unterhalten wollen. Es scheint Alkohol im Spiel zu sein. Ich mache ihnen klar, dass es sehr spät ist und wir gerne schlafen wollen. Den Rest der Nacht bleiben wir ungestört.

Am nächsten Tag geht es weiter Richtung Varanasi. Für die 280km brauchen wir 11 Stunden. Während wir zwischen Neu Delhi und Agra noch größtenteils auf sehr großen Highways gefahren sind, müssen wir uns jetzt die meiste Zeit über 1-2 spurige Landstraßen unseren Weg bahnen. Die sind zumeist maßlos überfüllt und immer wieder stehen Kühe, Ziegen, Schweine oder Affen auf der Fahrbahn. Da indische Autofahrer zudem dazu neigen, sich in jede noch so kleine Lücke zu quetschen, kommt der Verkehr bei Engstellen -- zumeist in Dörfen oder bei Baustellen -- häufig völlig zum Erliegen.

Als wir letztlich in Varanasi ankommen, ist es schon dunkel. Einen Stellplatz finden wir hinter dem International Travellers Hostel in einer kleinen Seitenstraße. Hier können wir für 100 Rupien (ca. 1,20€) die Nacht stehen und zusätzlich die Räumlichkeiten des Hostels nutzen. Das ist super, da das Hostel unter anderem über einen tollen Garten verfügt, in dem es sich super vom Trubel draußen in der Stadt erholen lässt. Hier verbringen wir die meiste Zeit unseres viertägigen Aufenthalts. Wir informieren uns über Varanasi, arbeiten fleißig am Blogeintrag und Video und bringen unser Myanmar-Crossing im Januar weiter auf die Bahn. Außerdem nutzen wir intensiv die Waschmaschine, da wir seit Pakistan vor 7 Wochen keine Wäsche mehr gewaschen haben. Es wurde also dringend Zeit. 

Doch natürlich wollen wir auch ein bisschen was von der Stadt sehen. Schließlich gilt Varanasi als heiligste Stadt des Hinduismus. Laut hinduistischer Mythologie kann man nur hier -- indem man in Varanasi stirbt und verbrannt wird -- dem ständigen Kreislauf der Wiedergeburt entfliehen. Zu diesem Zweck befinden sich entlang des Ufers des heiligen Flusses Ganges eine Vielzahl von Krematorien und Uferbefestigungen, die Ghats, an denen die Asche der Verbrannten in den Fluss gestreut wird. Da ein Bad im Ganges zudem von Sünden befreien soll, sieht man überall Gläubige am und im Wasser -- auch nur wenige Meter von den Krematorien entfernt.

Da man Varanasi und seine Ghats am besten vom Wasser aus erkundet, nehmen wir uns eine Rickscha zum zentralen Dasawamedha Ghat und von dort aus ein kleines Ruderboot. Abends wohnen wir einer großen Aarti Zeremonie bei, in der gemeinsam Lieder gesungen und das Licht einer Kerze mehreren Gottheiten dargeboten wird. Ein sehr schönes Erlebnis. Perfekt passte es dabei ins Bild, dass plötzlich eine Kuh durch die Reihen spazierte und von den Einheimischen gestreichelt und gesegnet wurde. Indien ist wahrlich speziell.

Taj Mahal Part II

Zweiter Versuch. Dieses Mal nicht an einem Freitag, sondern an einem Samstag. Wir stehen um 5.15 Uhr in Varanasi auf, um die 650km nach Agra an einem Tag zu schaffen. Die Fahrt ist unspektakulär, führt uns aber sowohl über einspurige Landstraßen, als auch über einen sechsspurigen Expressway. In Agra angekommen, stellen wir uns auf den Besucherparkplatz des Taj, um hier die Nacht zu verbringen. Wieder einmal ziehen wir (natürlich) viel Aufmerksamkeit auf uns, haben letztlich aber eine sehr ruhige Nacht.

Bevor wir schlafen gehen, machen wir uns noch bewusst, dass heute der 29. November ist und wir damit nun genau 6 Monate unterwegs sind. Am 29. Mai waren wir im Münsterland losgefahren. Jetzt stehen wir mit unserem Camper in Indien. Es ist kaum in Worte zu fassen, was wir in den letzten 26 Wochen alles so erlebt haben (zum Glück haben wir ja Texte geschrieben und Videos gemacht, um uns alles häppchenweise jederzeit wieder in Erinnerung rufen zu können). Wir sind in jedem Fall höchst dankbar, dass wir diese Reise unternehmen können -- dass wir sie gemeinsam unternehmen können. Und fest steht auch: Wir haben noch (lange) nicht genug davon.

Jetzt aber zurück zum Taj Mahal. Wir stehen um 5:10 Uhr auf. Das bringt uns recht weit vorne in die Schlange -- aber auch definitiv nicht nach ganz vorne. Etwa 150 Leute sind wohl noch früher aufgestanden als wir (oder haben jemanden dafür bezahlt, sich anzustellen). Der Menschenansturm wundert aber nicht, schließlich ist der Taj Mahal wohl eines der bekanntesten Bauwerke dieser Welt. Und so haben wir in den letzten Jahren natürlich schon unzählige Fotos vom Taj gesehen. Aus diesem Grund haben wir uns gefragt, ob der persönliche Besuch des Taj Mahals noch einen großen Eindruck auf uns machen würde -- schließlich wissen wir im Grunde ja schon, wie er aussieht. Lasst euch gesagt sein: Es macht einen riesigen Unterschied. Der Taj ist ein beeindruckendes Bauwerk. Und seine umliegenden Gärten versprühen vor allem am frühen Morgen eine magische Stimmung. Auch dann, wenn der eigentlich Sonnenuntergang im winterlichen Smog Indiens untergeht.

Es ist für uns kaum zu begreifen, wie ein solches Bauwerk jemals erbaut werden konnte. Nicht nur die schiere Größe des Mausoleums ist beeindruckend; es sind vor allem die Details, die unglaubliche Akribie, mit der die weißen Marmorblöcke und -platten bearbeitet wurden, die uns staunen lässt. Shah Jaha muss seine Lieblingsfrau Mumtaz Mahal, für die er den Taj Mahal zwischen 1631 und 1648 erbauen ließ, wirklich geliebt haben.

Auf Mautstraßen Richtung Süden

Wie gesagt, hatten wir uns in Indien vor allem auf die Strände gefreut. Die vermeintlich schönsten Strände des Landes liegen jedoch sehr viel weiter südlich an der Westküste. Um dorthin zu kommen, müssen wir also erst einmal ein paar tausend Kilometer fahren -- Indien ist einfach riesig. Den ersten Abschnitt nehmen wir direkt im Anschluss an den Besuch des Taj Mahal in Angriff. 

Dabei fahren wir in der Regel über die National Highways -- das sind die zumeist etwas größeren Straßen (zwei- bis vierspurig), die sich durch das gesamte Land ziehen. Und obwohl sie äußerst unterschiedlichster Qualität sind (von quasi-Autobahn bis hin zu quasi-Schotterpiste) wird auf nahezu allen National Highways Maut verlangt. Diese nutzerabhängige Finanzierung der Straßen finden wir grundsätzlich auch völlig sinnvoll und gut. Womit wir aber etwas hadern, ist die Art und Weise, wie die Maut erhoben wird. Das geschieht nämlich über Mautstationen, die immer mal wieder durchfahren werden müssen (mal alle 20km, mal alle 200km). An den Mautstationen kann man entweder in Bar bezahlen oder der fällige Betrag wid automatisch von einer elektronischen Karte, der sogenannten FastTag, abgebucht. Da sich jedoch bisher nur sehr wenige Inder diese Karte besorgt haben, entstehen häufig sehr lange Schlangen an den Bargeld-Schaltern der Mautstationen.

Das soll sich ändern und so hat die indische Regierung die Erfassung per FastTag zum 01. Dezember 2019 zur Pflicht ernannt. Bargeld-Schalter soll es dann nicht mehr geben (bzw. nur noch für Ausnahmefälle, die dann zur Strafe den doppelten Preis zahlen müssen). Heißt für uns, dass auch wir uns eine FastTag besorgen müssen. Das geht online oder an vielen Verkaufsstellen im Land. Wir versuchen es online. Das klappt aber leider nicht, da man neben einer Adresse in Indien auch seine indische Personalausweisnummer sowie ein indisches Konto angeben muss. Tricksen geht hier nicht und so fahren wir (zwei Tage vor dem Beginn der Frist) eine der Verkaufsstellen, eine Mautstation, an. Der freundliche Mitarbeiter am Counter nimmt unsere Daten auf, scheitert dann aber an der gleichen Hürde wie wir zuvor online. Das System scheint einfach nicht darauf ausgelegt zu sein, dass Nicht-Inder in Indien mit dem Auto fahren.

Da wir ja aber noch ein paar Wochen kreuz und quer durch das Land fahren wollen und dabei verhältnismäßig viele Kilometer abspulen werden, muss irgendwie eine Lösung her (außerdem betrifft das Problem ja auch andere Overlander, die früher oder später vor dem gleichen Problem stehen werden). Ich frage mich daher zum Manager der Mautstation durch und sitze wenig später in seinem Büro. Ich erkläre die Situation und der nette Herr ist ebenso überrascht wie amüsiert von meinem Anliegen. Er bietet mir Tee an und greift dann zu seinem Telefon, um seinen Vorgesetzten in der FastTag-Zentrale anzurufen. Aber auch das führt zu keiner Lösung. Er lässt sich meine Nummer und E-Mail-Adresse geben und verspricht, uns zu informieren, sobald eine Lösung erarbeitet wurde. Sorgen machen müssten wir uns aber erst einmal nicht, da der Start der verpflichtenden FastTag-Nutzung kurzfristig um zwei Wochen auf den 15. Dezember verschoben wurde.

Wie es damit weitergeht und ob uns die Highways weiter zu den Stränden Goas geführt haben, berichten wir euch dann im nächsten Blogeintrag. Jetzt wünschen wir euch aber erst einmal wieder viel Spaß beim Anschauen unseres ersten Videozusammenschnitts aus Indien.

Liebe Grüße und bis bald,
Tina & Dirk

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